Vergangene Veranstaltungen

Dienstag / 3. Juli 2018 / 19.00 Uhr / Machtlust. Psychoanalyse und Kapitalismuskritik / Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Samo Tomšič (Berlin)

Wenn eine gesellschaftskritische Ausrichtung die Psychoanalyse kennzeichnet, dann ist es die Aufdeckung dessen, was Freud das »Unbehagen in der Kultur« nannte. Damit direkt verbunden ist die Aufdeckung der libidinösen Ausbeutung bzw. der libidinösen Verankerung der Machtverhältnisse. Diese Einsichten Freuds wurden einerseits von der Kritischen Theorie aufgegriffen und fanden andererseits in Jacques Lacans »Rückkehr zu Freud« wichtige psychoanalytische Weiterentwicklungen. Ausgehend von der Lustproblematik wird sich der Vortrag der andauernden Aktualität der freudo-lacanschen Psychoanalyse widmen. Wieso braucht die Kritik der politischen Ökonomie psychoanalytische Grundbegriffe (Trieb, Unbewusstes, Übertragung)? Wie mischt sich Lust überhaupt in die Reproduktion der kapitalistischen Machtverhältnisse ein? Und schließlich: Was kann uns die Psychoanalyse über den Aufstieg des sogenannten Neopopulismus sagen?

Samo Tomšič promovierte in Philosophie an der Universität Ljubljana, Slowenien, und ist seit 2011 an der Humboldt Universität zu Berlin tätig. Seine Forschungsbereiche umfassen französische Philosophie, deutschen Idealismus, Epistemologie, Psychoanalyse und Sprachphilosophie. Letzte Veröffentlichungen: The Capitalist Unconscious. Marx and Lacan (Verso, 2015) und Psychoanalysis: Topological Perspectives (Hg. mit Michael Friedman, Transcript, 2016).

Freitag / 22. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Make Love, Don’t Gender! Möglichkeiten und Grenzen von Heteronormativitätskritik in cis-/heterosexuellen Paarbeziehungen / Hörsaal I / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Ann-Madeleine Tietge (Bremen)

Basierend auf den Ergebnissen ihrer Dissertation wird Ann-Madeleine Tietge zeigen, dass der heteronormativitätskritische Versuch, Geschlecht in einer cis/heterosexuellen Liebesbeziehung zu dekonstruieren, nicht unbedingt an den Vorstellungen „dominanter Macker“ und „abhängige Hausfrau“ scheitert. Vielmehr re-inszeniert sich hier eine Mutter-Sohn-Konstellation zwischen Partnerin und Partner, was die Referentin auf dem Hintergrund psychoanalytischer Sozialpsychologie und konstruktivistischer Geschlechtertheorie deutet.
Die männlich sozialisierten Partner geraten häufig in eine kindliche/adoleszente Position, welche von undifferenzierten Fernweh- und Autonomiestrebungen und übermäßigen Selbstverwirklichungstendenzen gekennzeichnet ist. Ihre Partnerinnen, welche sich meist mehr Verantwortungsübernahme ihrer Partner wünschen, reagieren auf diese Position mit mütterlichen Erziehungsversuchen, welche jedoch die Kindlichkeit ihrer Partner zu zementieren scheint.

Tietge plädiert für eine neue Schwerpunktsetzung in der feministischen Kritik des Privaten. Eine „Reduzierung“ des Maskulinen hin zur Figur des „kleinen Jungen“ kann genauso wenig wie eine rein ästhetische Femininisierung ausreichen, um Geschlecht (und damit Machtverhältnisse) in Beziehungen zu destabilisieren. Stattdessen gilt es für Cis-Männer, mütterlich konnotierte Sozialisationsaspekte zu übernehmen, also Femininisierung auch auf Ebene der emotionalen Fürsorge zu erreichen.

Ann-Madeleine Tietge hat Psychologie an der Universität Bremen und der Universitat de València studiert. Ihre kürzlich abgeschlossene Promotion an der Leibniz Universität Hannover untersucht die unbewusste Reproduktion von Männlichkeit in heterosexuellen Paarbeziehungen. Schwerpunkte ihrer Arbeit und Forschung umfassen psychoanalytische Sozialpsychologie, Geschlechterforschung/Queer Theory und qualitative Methoden (insbesondere Lorenzers Tiefenhermeneutik). Zur Zeit arbeitet sie in einer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und befindet sich in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (DGPT) am Psychoanalytischen Institut Bremen e.V. Aktuelle Veröffentlichung: Tietge, A.-M. (2018). The Mamis and the Puppies – Möglichkeiten und Grenzen von Heteronormativitätskritik in heterosexuell definierten Paarbeziehungen. In Ch. Busch, B. Dobben, M. Rudel und T.D. Uhlig (Hrsg.). Der Riss durchs Geschlecht. Feministische Beiträge zur Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial.

Donnerstag / 14. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Leiden und Gesellschaft – Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik / Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Frank Schumann (Berlin)

Jede Gesellschaftskritik stellt wenigstens implizit die These auf, dass Menschen in irgendeiner Weise unter den kritisierten Bedingungen leiden. Das hat zwei naheliegende Gründe. Denn nur wenn die kritisierten Bedingungen für die betroffenen Menschen selbst in irgendeiner (auch unbewussten) Weise mit Leid verbunden sind, sind Kritik und Veränderung notwendig. Und möglicherweise lässt sich in den gesellschaftstypischen Mustern des Leidens auch ein Indiz dafür entnehmen, in welche Richtung eine Veränderung zu gehen habe. Gesellschaftskritik kann sich also mit dem Verweis auf gesellschaftstypische Leidenserfahrungen erstens selbst als Kritik legitimieren und zweitens zugleich ihre inhaltlichen Aussagen und Forderungen rechtfertigen.

Aber auch wenn es für eine Kritik notwendig ist, im Leiden der Menschen ein Stück Gesellschaft zu rekonstruieren, ist das Verhältnis von Leiden und Gesellschaft alles andere als leicht zu bestimmen. Leidphänomene, wie etwa psychische Symptome, sind etwas, das in die konkrete Biografie eingebunden ist und das in seiner Dynamik nur vor dem individuellen Lebenshorizont verstanden werden kann. Dagegen ist eine Gesellschaftstheorie und -kritik notwendig abstrakt und läuft daher Gefahr, über diese Eigendynamik hinwegzugleiten. Der Vortrag nähert sich dem Problem vor dem Hintergrund der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule und versucht dabei nachzuzeichnen, wie das Verhältnis zwischen Leiden und Gesellschaft von den jeweiligen Theoretikern gefasst wurde – und welche unklaren Punkte und offene Fragen dabei geblieben sind.

Frank Schumann promovierte in Jena bei Hartmut Rosa und ist Postdoc an der International Psychoanalytic University in Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Gesellschaftstheorie, Sozialphilosophie, psychoanalytischen Subjekttheorie und der sozialpsychologischen Einstellungsforschung. Veröffentlichung: Leiden und Gesellschaft. Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule (Transcipt 2018).

Donnerstag / 14. Dezember 2017 / 19.00 Uhr / Was macht die Psychoanalyse? Psychoanalyse zwischen Praxis und Gesellschaftstheorie / Hörsaal 2 / Steintor Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit M. S c h ö n w e t t e r (Halle)

In seiner Minima Moralia stellt Theodor W. Adorno den Anspruch an die psychoanalytische Praxis, als »eine kathartische Methode« müsste sie »darauf ausgehen, die Menschen zum Bewußtsein des Unglücks, des allgemeinen und des davon unablösbaren eigenen, zu bringen und ihnen die Scheinbefriedigungen zu nehmen, kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung nochmals am Leben sich erhält« (Adorno 1998/1951: 69). Adornos Kritik deutet auf das Dilemma der analytischen Praxis, die nämlich mit der »Psychodynamik« auf einen Gegenstand gerichtet ist, der »nochmals die Pathogenese einer gesellschaftlichen Totalität aus sich heraus [entwickelt]« (Adorno 1998/1955: 55f). Das Leiden des Individuums ist das Ergebnis des herrschaftsförmigen, repressiven, mithin gewaltvollen Vermittlungsprozesses der gesellschaftlichen Totalität in Tiefenstruktur. Wie aber kann ein Verfahren damit umgehen, dessen Praxis der Beziehungsrahmen der analytischen Situation zwischen Analytiker und Patient und das auf das individuelle Leiden und dessen lebensgeschichtlichen Hintergrund gerichtet ist? Die psychoanalytische Praxis ist kein »Theorieseminar im Liegen« (Kirchhoff 2007: 69). Im Vortrag möchte ich skizzieren, was in der analytischen Praxis geschieht, wie das Ergebnis der Vermittlung der gesellschaftlichen Totalität im Individuum – die infantilen, unbewussten Beziehungsmuster im Wiederholungszwang als Kern des Patienten-Leidens – verstehbar gemacht und ›bewältigt‹ werden können. Des Weiteren möchte ich zeigen, dass die Psychoanalyse als eine ›kritische Theorie des Subjekts‹ (Alfred Lorenzer) in einer zur kritischen Gesellschaftstheorie eigenständigen Perspektive auf denselben Gegenstand – das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft – gerichtet ist. Die Begriffe und Erkenntnisse der psychoanalytischen Praxis können jedoch nicht folgenlos zu einer Gesellschaftstheorie aufgebläht werden. Solch eine Gesellschaftstheorie würde als Gesellschaftspathologie im Widerspruch zur negativen Dialektik, die Nichtidentität von Individuum und Gesellschaft eindampfen und das Subjekt letztlich bloß noch aus objektiven Bedingungen heraus ableiten. Psychoanalyse und kritische Theorie der Gesellschaft sind vielmehr die beiden komplementären, aber eigenständigen Seiten derselben Medaille.

M. Schönwetter hat in Halle Soziologie studiert und arbeitet zu den Themen Kritische Theorie, Psychoanalyse und Leiblichkeit.

Donnerstag / 14. Dezember 2017 / 19.00 Uhr / Die männliche Subjektkonstitution – Gewalt, Sexualität und die Abwehr des Weiblichen / Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit R o l f P o h l (Hannover)

Trotz aller Modernisierungen hat sich hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse eine Tatsache grundsätzlich nicht geändert: Die spätmodernen Gesellschaften sind nach wie vor von einer hierarchischen, männlich dominierten Kultur der Zweigeschlechtlichkeit bestimmt. Soziologische Ansätze in der Geschlechterforschung können diese Aufrechterhaltung von männlicher Dominanz und Vorherrschaft analysieren, aber ihre psychosoziale Reproduktion in den vergeschlechtlichten Subjekten selbst nicht hinreichend fassen. Von daher ist eine Erweiterung um eine sozialpsychologische und subjekttheoretische Perspektive notwendig, die insbesondere die Verknüpfung von Sexualität, Macht und Gewalt in der vorherrschenden Konstitution von Männlichkeit(en) ins Zentrum rückt. Die normative heterosexuelle Orientierung unterwirft den Mann dabei einem unlösbaren Dilemma zwischen Autonomiewunsch und Abhängigkeitsangst mit der Folge: Die
vorherrschenden Einstellungen zu Frauen und zur Weiblichkeit sind von einer Mischung aus Lust, Angst, Neid und einer bis zum Hass reichenden feindseligen Tönung gekennzeichnet. Weiblichkeit und mit ihr assoziierbare Phänomene werden zu Repräsentanzen des grundsätzlich „Anderen“, das fremd bleibt und insbesondere bei inneren und äußeren Krisen unbewusst als bedrohlich erlebt werden kann. Hier liegt eine der wichtigsten Quellen für häusliche und außerhäusliche, sexuelle und nicht-sexuelle Gewalt gegen Mädchen, Frauen, aber auch gegen Schwule, die ebenso als Infragestellung der erwünschten, jedoch grundsätzlich gefährdeten männlichen Integrität erlebt werden.

Rolf Pohl ist emeritierter Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten in der Geschlechterforschung gehören die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Krisendiskurse. Er ist Autor des Buches »Feindbild Frau – Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen« (2005).

Donnerstag / 23. November / 19.00 Uhr / Hollywoods Kapitalismuskritik. Eine ideologiekritische Filmanalyse / Hörsaal 2 / Steintor Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit W o l f g a n g M. S c h m i t t (Neuwied)

Hollywoodfilme bestätigen in der Regel das Bestehende – in dem Sinne sind sie pure Ideologie. Diese Tendenz dominiert noch immer das Mainstreamkino, doch im Zuge der Finanzkrisen der vergangenen zehn Jahre produzierte man in Amerika vermehrt Filme, die sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzen. „Margin Call“, „The Big Short“, „The Wolf of Wall Street“, „Nightcrawler“ oder „Logan Lucky“ zeugen allesamt von dieser Trendwende, und mögen auch jene Intellektuelle überraschen, die kritische Film bislang hauptsächlich in Europa verortet haben. Tatsächlich wagt sich Hollywood mit seiner Kapitalismuskritik erstaunlich weit vor, und macht damit – Ironie des Systems – ordentlich Kasse. Was aber zeichnet Hollywoods Kapitalismuskritik aus? Wo liegen die Grenzen? Und wie gelingt es dem Kapitalismus, sich diese gegen ihn gerichteten Filme stets wieder einzuverleiben?
Der Filmkritiker und Literaturwissenschaftler Wolfgang M. Schmitt, bekannt durch seinen YouTube-Kanal „Die Filmanalyse“ youtube.com/filmanalyse), wird in seinem Vortrag „Hollywoods Kapitalismuskritik: Eine ideologiekritische Filmanalyse“ Antworten auf
diese Fragen geben. Wenn es stimmt, dass, wie Siegfried Kracauer schreibt, Filme ein Spiegel der Gesellschaft sind, dann sollten wir uns trauen, in diesen cineastischen Spiegel zu blicken, um uns selbst zu erkennen.

Ein Interview, das Radio Corax mit Wolfgang M. Schmitt zu seinem Vortrag führte:

Donnerstag / 9. November 2017 / 19.00 Uhr / Geschlossene Gesellschaft. Abwehr, Anpassung und Alltagsbewusstsein in der ostdeutschen Provinz / Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit C a r o l i n e A. S o s a t (Berlin)

In einem der ärmsten Landkreise Sachsen-Anhalts, mit hohen Wahlergebnissen für die AfD, hoher Korruption und sogar gerichtskundigem Wahlbetrug, scheitern jegliche Emanzipationsversuche. Der Abbau der Demokratie ist der Bevölkerung bekannt. Die Bereitschaft zum Widerspruch bleibt dennoch gering. Die Menschen wissen – und wissen zugleich nicht. Die Studie, die dem Vortrag zugrunde liegt, fand in der Mitte der Gesellschaft statt. In einer psychoanalytischen Auswertung, die sich auf die innere Motive ebenso wie auf die widersprüchlichen individuellen, politischen und historischen Umstände einlässt, sollten die Gründe für das Schweigen gefunden werden.

Caroline A. Sosat studierte Psychologie und Soziologie in Jena und Stendal. Sie forschte zum späten Coming-out in der Hetero-Beziehung, zu Diagnosekriterien der bipolaren Störung und schrieb im Buch Beißreflexe zu verfolgenden Dynamiken in feministischen Gruppen. Als Politnerd, Psychologin, Feministin und Kampfsportlerin versucht sie eine Sprache für das zu finden, was nicht gesagt werden darf und kritisiert autoritäre Formen der Eingemeindung.

Donnerstag / 26. Oktober 2017 / 19.00 Uhr / Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus / Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit A n g e l i k a G r u b n e r (Wien)

Die Psychotherapie hat sich ihren Platz im Gesundheitswesen gesichert und ist zu einer hegemonialen Behandlungsmethode avanciert. Sie präsentiert sich als wissenschaftlich, neutral und unabhängig. Dass aber oftmals diejenigen Theorien, die sich auf diese Weise verstehen und positionieren, gerade jene sind, die die bestehenden Herrschaftsverhältnisse stützen oder sogar befördern, ist eine weitgehend unreflektierte Größe. Auch das (gesellschafts-)politische Interesse an der Psyche, das sich in der versicherungstechnischen Öffnung zur Inanspruchnahme der Psychotherapie ebenso zeigt wie am sich ausbreitenden Psychojargon in der Alltagssprache, der kolportiert hohe Bedarf nach Psychotherapie und der nicht enden wollende Zustrom zu den Psychotherapieausbildungen machen nachdenklich. Der Vortrag von Angelika Grubner gibt einen Einblick sowohl in die Hintergründe der Macht der Psychotherapie als auch in die Thesen ihrer aktuellen Publikation.

Angelika Grubner arbeitet als systemische Psychotherapeutin und hat dieses Jahr das Buch ‚Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus‘ veröffentlicht.

Ein Interview, das Radio Corax mit Angelika Grubner zu ihrem Vortrag führte:

Donnerstag / 22. Juni 2017 / 19.00 Uhr / Reil 78 / Freiheit zur Krankheit? Rechtliche Grundlagen von Zwangsbehandlungen in der zeitgenössischen Psychiatrie

Vortrag von Alice Braun

Zwangsbehandlungen gehören zum Alltag in der geschlossenen Psychiatrie seitdem sie als medizinische Institution existiert. Diese Praxis wird von VertreterInnen des Gesundheitssystems als unausweichlich behauptet, um sowohl die betroffene Person vor sich selber und auch deren Angehörige zu schützen. Es drängen sich die Fragen auf, weshalb und unter welchen Voraussetzungen Betroffenen die Entscheidungsmacht über ihr eigenes Leben entzogen werden kann. Warum stellt sich der Imperativ des Heilens nach bestimmten Vorstellungen als alternativlos dar? Dabei ist nicht zuletzt die gesellschaftliche Verwertbarkeit, welche die Definitionen von Krank und Gesund prägt, entscheidend.
Im Rahmen des Vortrags soll diesen Fragen nachgegangen werden. Ausgehend von den Ursprüngen in der bürgerlichen Gesellschaft und der Formulierung erster Gesetzesentwürfe des Maßregelvollzugs im nationalsozialistischen Deutschland soll der Weg zur Organisation der modernen Psychiatrie nachgezeichnet werden.

Alice Braun studiert Psychologie und Philosophie in Berlin und ist seit 2012 in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen tätig. Sie arbeitet unter anderem zu Psychiatriegeschichte und Psychoanalyse. Außerdem erinnert sie euch ein bisschen an eure Mütter.

Donnerstag / 8. Juni 2017 / 19.00 Uhr / Reil 78 / Eine Biopolitik des Genießens: die Fallstricke postödipaler Subjektivierung

Vortrag von Tove Soiland

Lacan war gewiss kein Gesellschaftstheoretiker. Doch ähnlich wie Reich und Marcuse im Zuge der 68er-Revolten an Freud anschlossen und damit einen Freudomarxismus hervorbrachten, existiert heute im Umfeld der Schule von Ljubljana eine marxistisch orientierte Lacan-Rezeption, die darum bemüht ist, die heutige, gegenüber der fordistischen Gesellschaft veränderte ideologische Konstellation zu verstehen.
Ausgehend von Lacans eigenen Überlegungen geht der Vortrag der Frage nach, wie unter den veränderten Voraussetzungen postfordistischer Gesellschaften die Funktionsweise von Ideologie neu zu denken ist. Im Zentrum steht dabei jener Wandel in den Subjektstrukturen, den Lacan in seinem Seminar XVII beschreibt. Nach dem Untergang der partriachalen Kleinfamilie mit ihrer ödipalen Struktur haben wir es heute mit den Fallstricken postödipaler Subjektivierung zu tun, die, weit davon entfernt, befreite Subjekte hervorzubringen, diese, in der Gegenwartsdiagnose Slavoj Zizeks, vielmehr einer neuartigen Form einer „Biopolitik des Genießens“ unterwirft.

Tove Soiland, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Zürich. Sie ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und bietet bei der Gewerkschaft VPOD in Zürich seit Jahren Seminare für Frauen zu feministischer Ökonomie und politischer Theorie an. 2008 promovierte sie an der Universität Zürich zu »Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten«. Sie ist Mitglied des Beirates der Zeitschrift Widerspruch. Ihre heutigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Feministische Theorie, französische Psychoanalyse und Marxismus. 2003 initiierte sie den »Gender-Streit«, eine Kontroverse um die theoretischen Grundlagen des Gender-Begriffs. Im WS 2016/17 hat sie die Klara-Marie-Faßbinder Gastprofessur an der Hochschule Ludwigshafen inne.

Ein Interview, das Radio Corax mit Tove Soiland zu ihrem Vortrag führte:

Donnerstag / 18. Mai 2017 / 19.00 Uhr / Reil 78 / Einführung in die Psychoanalyse anhand ihrer zentralen Begriffe

Viele unserer Vorträge setzen die Kenntnis zentraler Begriffe der Freud’schen Psychoanalyse voraus. Deswegen wollen wir als aufgetaucht selbst in einer eigenen Veranstaltung einführend über diese Grundlagen sprechen. Konkret werden wir einführen in das Unbewusste, das Triebmodell, das Instanzenmodell, Abwehrmechanismen, sowie neuere Entwicklungen in der Psychoanalyse (Objektbeziehungstheorie, Ich-Psychologie, Selbst-Psychologie und intersubjektive Ansätze).

Aus zwei Perspektiven finden wir die Psychoanalyse spannend und wertvoll. Für das individuelle Leben und Leiden bietet sie eine Methode diese näher zu verstehen. Ihr Versprechen psychisches Leiden zu lindern erfüllt sie entgegen verhaltenstherapeutischer Methoden nicht darüber z.B. in Konfrontationsübungen über die eigenen Ängste hinweg zu gehen und sich diese Flausen abzutrainieren, sondern dadurch, diese auch in ihrer Absurdität als Ausdruck verborgener Teile der eigenen Persönlichkeit ernst zu nehmen. Auch wenn man der Psychoanalyse als Therapieform zurecht vorwerfen kann, dass sie die Leute zum Funktionieren und Aushalten des normalen Unglücks ermuntert, steckt in ihrer Methode damit doch etwas sehr Befreiendes: die Erfahrung der persönlichen Wahrheit.

Auch für das Verständnis und die Kritik von Gesellschaft ist Psychoanalyse immer da wichtig, wo die Kenntnis objektiver Gesellschaftsstrukturen und der bewussten Zwecke und Gründe der Handelnden nicht ausreichen, dieses Handeln zu verstehen, weil es sich in seiner Irrationalität nicht rational erkennen lässt. Für die Anpassung an die bestehende Gesellschaft, den Antisemitismus oder Homophobie liefert die Psychoanalyse Erklärungen, weil sie individuelle Verarbeitung der Außenwelt und deren innerpsychischen Nutzen nachzeichnet.

Donnerstag / 6. April 2017 / 19.00 Uhr / Reil78 / Die Konstitution, die Funktion und das Sträuben. Zur psychoanalytischen Theorie des Triebs und der Geschlechterdifferenz

Vortrag von Melanie Babenhauserheide

Die Entstehung von Subjekten wird in der Freudschen Psychoanalyse nicht als lineare Entwicklung gedacht, sondern als gekennzeichnet durch Mangel und Versagung, durch Spaltungen und Brüche, durch Lücken und Verletzungen. Dafür steht die Geschlechterdifferenz, als etwas, was das anzeigt, was ich nicht sein kann. Geschlecht wird dabei als etwas verstanden, was nicht glattgehen kann, was in sich widersprüchlich ist, durchdrungen von dem, was sich entzieht: Dem Unbewussten, dem unlösbaren Rätsel der Sexualität…

Nicht selten hört man Vorurteile gegenüber psychoanalytischer Theorie: Sie sei deterministisch, sehe zu sehr von Herrschaftsverhältnissen ab, sei biologistisch oder sogar patriarchal. Doch wenn Freud schreibt, dass die Entwicklung von Weiblichkeit und die Bereitschaft, Kinder zu gebären, kein Endpunkt einer natürlichen Abfolge sei, sondern Folge einer komplizierten Entwicklung, in der sich „die Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen wird“, wird kenntlich, dass die Psychoanalyse eine Theorie ist, die Geschlecht weder in Richtung Biologie noch in Richtung Sprache/ Kultur/ Bedeutung auflöst, sondern das konflikthafte Zusammenspiel beider Seiten betrachtet. Somit ermöglicht sie eine Kritische Theorie der Geschlechterdifferenz, die berücksichtigt, dass Menschen auch sinnliche und leibliche Wesen sind, und zugleich erkennt, dass es die (patriarchal beschaffene) Deutung ist, die einen Schniedel in einen Macht spendenden Phallus verwandelt. Sie eignet sich, die in der spätkapitalistischen, vergeschlechtlichen Subjektkonstitution enthaltene Gewalt kenntlich zu machen, anzuklagen, zugleich die Möglichkeit der Freiheit darin wahrzunehmen und herrschende Deutungen neu zu deuten.

Melanie Babenhauserheide ist Kritische Theoretikerin. Sie arbeitet derzeit als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Ihre Dissertation, die sie am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main eingereicht hat, befasst sich mit der Ideologie von J.K. Rowlings Harry Potter-Reihe.

Ein Interview, das Radio Corax mit Melanie Babenhauseheide zu ihrem Vortrag führte:

Donnerstag / 15. Dezember 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Lernen – vom Subjektstandpunkt. Zur subjektwissenschaftlichen Kritik der traditionellen Lernpsychologie

Vortrag von Wolfgang Maiers

Die psychologische Lernforschung hat uns bis heute nicht wirklich zu einem tieferen Verständnis dessen verholfen, wie wir in unseren wechselnden praktischen Bezügen zur gesellschaftlichen und natürlichen Wirklichkeit lernen. Ungeachtet aller daran geübten prinzipiellen Kritik werden traditionelle theoretische Konzeptionen der Konditionierung – gegebenenfalls „kognitivistisch“ reinterpretiert – sowie des Beobachtungslernens (Lernen am Modell) als gültiger Fundus universeller (phänomenübergreifend wirksamer) Lernformen und ‑prinzipien präsentiert – und wird damit der Eindruck erweckt, als sei lernpsychologisch im Grundsätzlichen alles geklärt.
In meinem Vortrag möchte ich als erstes diese Problematik und ihre wissenschaftlichen wie praktischen Folgen (beispielsweise für die Erklärung entwicklungspsychologisch beschreibbarer ontogenetischer Veränderungen oder für die Unterstützende kindlicher Selbst-/Bildungsprozesse durch kindheitspädagogische Fachkräfte) aufzeigen. Vor diesem Problemhintergrund möchte ich dann den kritisch-psychologischen Ansatz einer vom wissenschaftlichen Subjektstandpunkt ausgehenden Theorie des Lernens skizzieren, die anders als die traditionelle, behavioristisch dominierte Lernpsychologie und deren kognitionspsychologischen Erweiterungen die subjektiven Voraussetzungen selbstbestimmten motivierten („expansiv begründeten“) Lernens erhellt und zugleich einen begrifflichen Rahmen bietet, der intentionales Lernen ebenso wie die damit vermittelten inzidentellen und impliziten Lernprozesse als Vollzugsmomente bedeutungsvoller situierter menschlicher Praxis (ein-) begreift.

Wolfgang Maiers studierte Pädagogik und Psychologie u.a. bei Klaus Holzkamp. Er ist seit Gründung Redakteur der Zeitschrift „Forum Kritische Psychologie“ und Mitherausgeber der Schriften Klaus Holzkamps. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Subjekt- und Lernforschung sowie Kritische Psychologie. Er ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Direktor des Klaus Holzkamp-Instituts für Subjektwissenschaft der Internationalen Akademie für Innovative Pädagogik und Ökonomie an der Freien Universität Berlin.

Donnerstag / 1. Dezember 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Ein System von Narben. Überlegungen zum Verhältnis von Triebtheorie und Kritik

Vortrag von Julian Kuppe

In der kritischen Theorie gilt es als eine Art Diktum, dass sie in ihrer Relation zur Psychoanalyse einen Bezug zur Triebtheorie Freuds impliziert: Wenn die Triebtheorie und, damit einhergehend, die infantile Sexualität relativiert oder als überflüssig erachtet werden, sei davon auszugehen, dass es sich um unkritische Theorie handelt. Nun hat die Psychoanalyse seit der Zeit des Revisionismus- bzw. Kulturismus-Streits zwischen Adorno und Marcuse auf der einen und Horney und Fromm auf der anderen Seite eine Entwicklung genommen, in deren Folge die Triebtheorie in ihrem Mainstream weitgehend durch andere Theorien ersetzt wurde, insbesondere durch die Objektbeziehungstheorie. Sie wäre demnach aus der Sicht der kritischen Theorie weitgehend als unkritisch den gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber anzusehen. Zwischen der gegenwärtigen Psychoanalyse und denjenigen, die sich in der Kritik der Gesellschaft an der kritischen Theorie orientieren, hat sich daher eine doch recht große Kluft aufgetan, in der es kaum noch möglich erscheint, einen Zusammenhang auszumachen. Dennoch gibt es in manchen Diskussionssträngen auch Bezüge aufeinander, wobei seit einiger Zeit die psychoanalytische Theorie der Intersubjektivität an Bedeutung gewinnt. Aus dieser Konstellation ergibt sich die Frage, aus welchen Gründen sich die kritische Theorie veranlasst sehen könnte, der Triebtheorie eine so entscheidende Bedeutung für die Kritik der Gesellschaft zukommen zu lassen und wie von daher das Verhältnis der kritischen Theorie zu den neueren psychoanalytischen Theorien einzuschätzen wäre.

Julian Kuppe beschäftigt sich u.a. mit Psychoanalyse, kritischer Theorie, ästhetischer Theorie, und der Kritik der gesellschaftlichen Naturverhältnisse.

Donnerstag / 30. Juni 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Von der Psychoanalyse zur Gesellschaftskritik: Erich Fromms Konzeption einer Humanistischen Psychologie

Vortrag von Uwe Wolfradt

Erich Fromm (1900-1980) gehört zu den bedeutenden Vertretern der Neo-Psychoanalyse und der Humanistischen Psychologie. Sein Denken ist auch heute noch aktuell und stellt Kernfragen des menschlichen (Zusammen-)Lebens. Ausgehend von eigenen biographischen Erfahrungen der Emigration als Wissenschaftler jüdischer Herkunft versucht er eigene Prägungen im Judentum und der Psychoanalyse fruchtbar für eine neue Betrachtung der sozio-kulturellen Bedingungen des Menschen nach den Erfahrungen des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts zu machen. Unter Einbezug der Sozialpsychologie untersuchte Fromm die destruktiven Quellen und die unbewussten Triebkräfte des menschlichen Verhaltens. Warum entwickelt der Mensch immer wieder Formen der autoritären Unterwürfigkeit und fürchtet sich vor individueller Freiheit. Hierbei konzipiert er Menschlichkeit als eine produktive Orientierung, die auf persönlichem Wachstum angelegt ist und als Liebe zum Lebendigen (Biophilie) zu verstehen ist. Demgegenüber steht Nekrophilie für Fromm für eine Orientierung am Zerstörerischen und an der toten Materie. Er plädiert für einen Weg nach Innen, wie er durch den Buddhismus vorgezeichnet ist, mit dem er sich intensiv auseinandersetzt. Nur über Selbstanalyse und Selbsterkenntnis kann sich der Mensch der Praxis der Unmenschlichkeit bewusst werden und von einem Modus des Habens zu einem Modus des Seins wechseln.

Uwe Wolfradt ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Psychologie der Universität Halle

Ein Interview, das Radio Corax mit Uwe Wolfradt zu seinem Vortrag führte:

Donnerstag / 23. Juni 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Die Geschlechterordnung und der „Trieb“

Vortrag von Sebastian Winter

Die Psychoanalyse ist von Beginn an in feministischen Bewegungen und der Geschlechterforschung interessiert und kontrovers aufgenommen worden. Das Konzept des „Triebes“ und seiner diversen Schicksale ermöglichte eine radikale Kritik der Annahme angeborener Geschlechtscharakter, wurde aber immer wieder im Gegenteil auch gelesen als Behauptung einer biologischen Festlegung der Sexualität. In dieser Veranstaltung soll der schillernde Triebbegriff genauer beleuchtet werden. Der Trieb, im Unterschied zu den Instinkten der Tiere, ist etwas Leibliches und gleichwohl sozial Gewordenes, etwas Subversives und Konservatives, etwas Zielgerichtetes und Unersättliches. Er ermöglicht es, die Forschungen zur Sozialisation heteronormativer Geschlechtsidentitäten um eine leiblich-affektive Ebene zu ergänzen.

Sebastian Winter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am “Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung” (IFF) der Universität Bielefeld und Mitglied des Koordinationsteams der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Er promovierte mit einer Arbeit zum Thema „Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie“.

Donnerstag / 9. Juni 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Neuromythologie. Ein kritischer Blick auf Erklärungsmodelle der Hirnforschung

Vortrag von Felix Hasler

Seit der Proklamation der Dekade des Gehirns zu Beginn der 1990er Jahren haben die Neurowissenschaften einen Siegeszug ohnegleichen durchlaufen. Weit über die Grenzen der Naturwissenschaften hinaus durchdringen Erklärungsmodelle aus der Hirnforschung frühere Hoheitsgebiete der Geistes- und Sozialwissenschaften. Es gibt kaum mehr eine Wissenschaftsdisziplin, die sich nicht mit dem Vorsatz „Neuro-“ modernisieren und mit der Aura vermeintlicher experimenteller Belegbarkeit veredeln liesse. Die Flut von „Neuro-X-Disziplinen“ wie Neuroökonomie, Neuromarketing, Neuropsychoanalyse, Neuroästhetik oder Neurosoziologie suggeriert: Hier wird ein streng wissenschaftlicher Weg beschritten, um das „Wunder Mensch“ zu erklären.
Auch wenn die „Neuen Wissenschaften des Gehirns“ in der Öffentlichkeit gerne den selbstsicheren Auftritt pflegen – die Diskrepanz zwischen proklamierter lebensweltlicher Relevanz und der Belastbarkeit der empirischen Daten ist beträchtlich. Der Neuromythologie-Vortrag beschäftigt sich mit den historischen Ursachen und den gesellschaftlichen Auswirkungen des neuroscientific turns. Eine grundlegende Kritik am Welterklärungsanspruchder Neurowissenschaften.

Felix Hasler ist Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität Berlin. Sein wissenschaftskritisches Buch „Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ ist im November 2012 erschienen.

Donnerstag / 19. Mai 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Work Hard Play Hard

Dokumentarfilm von Carmen Losmann

Der Film zeigt an verschiedenen Schauplätzen, wie der Kapitalismus in modernen Arbeitsverhältnissen zunehmend versucht die Emotionen und Persönlichkeit der Arbeitenden zu mobilisieren. Die klassische Trennung von Privats- und Arbeitssphäre, die sich früher als funktional erwiesen hat, wird dabei tendenziell aufgehoben. Die Rolle von Emotionen beschränkt sich nicht mehr auf die Reproduktion und Erholung von der Arbeit, sondern wird selbst Teil derselben. Dabei müssen emotionale und kommunikative Fähigkeiten als wünschenswert entwickelt werden, was eine zunehmende organisatorische und individuelle Verwaltung von Motivation und softskills hervorbringt. Dem steht auf der anderen Seite die erwartete Mobilität und Flexibilität entgegen, die eine Entindidualisierung immer weiter vorantreibt Diese Entwicklung und welche Rolle dabei der (Arbeits- und Organisations-) Psychologie zukommt wollen wir anhand eines kurzen Einführungsreferates und des Films mit euch diskutieren.

Der Film gewann 2014 den Grimme-Preis.

Donnerstag / 5. Mai 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Wahnmachen. Eine Adoleszenzkrise des völkischen Protests

Vortrag von Tom Uhlig

Die „Montagsmahnwachen für den Frieden“, welche seit dem Frühjahr 2014 in bis zu 90 deutschen Städten stattfinden, sind mit dem Auftritt von „Pegida“ weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Dennoch überdauern ideologische Motive der Mahnwachen in den nachfolgenden ‚neurechten‘ Bewegungen, welche eine Untersuchung der Mahnwachen ‚in statu nascendi‘ beobachten kann. Gegründet in der Absicht, eine befürchtete militärische Konfrontation der NATO mit Russland zu verhindern, entwickelten sich die Mahnwachen schnell zu einem Forum für eine Vielzahl von Verschwörungstheorien, welche internationale Politik wie auch Phänomene der alltäglichen Lebenswelt erklär- und damit handhabbar machen sollten. Die konspirationistischen Weltdeutungsmuster einen sich darin, eine sinistre Fremdgruppe, welche mit den USA und Israel konnotiert sind, hinter allem Übel ausmachen zu wollen.

In dem Vortrag soll versucht werden, den Antiamerikanismus und (strukturellen) Antisemitismus der Konspirationisten auf seine psychosoziale Bedeutung hin zu befragen. Dabei steht zum einen die komplexitätsreduzierende Logik der Verschwörungstheorien im Vordergrund, welche auf (Krisen-)Erscheinungen des Kapitalismus reagiert indem sie deren abstrakte Dimension in der vermeintlichen Feindgruppe verdinglicht. Zum anderen, soll untersucht werden, wie es den Agitatoren auf den Mahnwachen gelingt, die realitätsverzerrende Polyphonie der Verschwörungstheorien in eine konzentrierte Masse zu überführen, anstatt dass diese dem Narzissmus der kleinen Differenzen anheim fallen. Zuletzt wird diskutiert, welche Bedeutung dem verdinglichte Gegner für die eigene (nationale) Identität zukommt.

Tom Uhlig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Psychoanalytische Kulturwissenschaften der International Psychonanalytic University (IPU) Berlin.

Donnerstag, 25.06.2015: Michael Zander – Steuert Sprache unser Denken und Handeln? Politik, Linguistik und Psychologie im Leitfaden „Was tun? Sprachhandeln – aber wie?“

Die Thesen von Lann Hornscheidt (HU Berlin) zur Schaffung einer geschlechtergerechten Sprache wurden 2014 in der Presse – abgesehen von Diffamierungen seitens der radikalen Rechten – kontrovers, aber sachlich diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Genderung per „X“. Übersehen wurde, dass derartige Vorschläge eingebettet sind in eine umfassende Theorie sprachlicher Diskriminierung, nicht nur in Bezug auf Gender, sondern z.B. auch auf Behinderung. Der Vortrag analysiert die Prämissen des z.T. psychologisch argumentierenden Sprachleitfadens „Was tun?“. Hinterfragt wird die Annahme eines deterministischen Zusammenhangs zwischen Sprache, Denken und Handeln. Ein in der linken Szene zunehmender Gebrauch quasi-psychologischer Begriffe (aktives Zuhören, Trigger-Warnung, awareness etc.) scheint auf ähnlichen Voraussetzungen zu beruhen wie die genannte Theorie.

Michael Zander, Dipl.-Psych., Dr. des. phil., vertritt eine Professur für Reha-Psychologie an der HS Magdeburg-Stendal

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 11.06.2015: Christina Kaindl – Emotionale Mobilmachung? Gefühle im Neoliberalismus zwischen Markt, Selbstverwirklichung und Erschöpfung.

Früher wurden Emotionen in der Welt von Arbeit und Wirtschaft oft als Störfaktor betrachtet, der vernünftigem Handeln entgegen steht. Im Neoliberalismus gelten sie als Ressource für engagiertes Arbeiten und gute Verkaufsstrategien. Sie sollen verfügbar sein, eine Art „emotionale Mobilmachung“ zur Leistung. Die Rückseite: Erschöpfung und Depression breiten sich aus. Wie könnten Alternativen aussehen?

Christina Kaindl kommt aus der Kritischen Psychologie; derzeit leitet sie den Bereich Strategie und Grundsatzfragen bei der Partei Die Linke.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 28.05.2015: Christine Kirchhoff – Gesellschaftskritik und Psychoanalyse.

Theodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen.
Was heißt hier objektiv? Warum ist diese irrational? Was wäre demgegenüber rational? Ist Gesellschaftskritik auf Psychoanalyse verwiesen und warum? Warum ist die Psychoanalyse – zumindest der Möglichkeit nach – eine kritische Theorie? Warum ist es überhaupt wichtig, sich auch mit der individuellen Ver- und Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu befassen?
Zunächst wird es also mit Marx und kritischer Theorie darum gehen, was unter gesellschaftlicher Objektivität zu verstehen ist (Begriff der Gesellschaft, Verselbständigung, Verkehrung, Wert- und Subjektform).

Ausgehend von diesen Bestimmungen geht es im zweiten Teil des Vortrages um die subjektiven Bedingungen, also um die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjekts, um das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen, um Sexualität und Triebe, die Freudsche Metapsychologie und wiederum darum, was das alles mit Gesellschaftskritik zu tun hat.

Der Vortrag ist insgesamt so konzipiert, dass er als Einführung ins Thema geeignet ist, Vorkenntnisse schaden allerdings auch nicht.

Dr. phil. Christine Kirchhoff, Psychologin, lebt in Berlin. Mitherausgeberin von Gesellschaft als Verkehrung, Autorin von Zeit und Bedeutung: Das psychoanalytische Konzept der Nachträglichkeit. Zum Thema: Wozu noch Metapsychologie, Hass auf Vermittlung und Lückenphobie. Zur Aktualität der Psychoanalyse (Phase 2/41).

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 07.05.2015: Literaturdonnerstag zum Mitmachen.

Bücher und Texte zum Thema Kritische Psychologie können mitgebracht und besprochen werden, Gedanken ausgetauscht, verknüpft und weitergesponnen werden… ein offener Abend für Interessierte.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 2.04.2015: Diagnose: Gesellschaftlich Unbrauchbar mit Aussicht auf Heilung.

Analyse und Kritik der heutigen Psychiatrie in ihrer Parteilichkeit für die herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse

Im Vergleich zwischen denjenigen, die tagtäglich fröhlich mitmachen, ihre kapitalistische Verwertung als Bewährungsprobe betrachten und auf die nicht ausbleibenden Misserfolge mit einer Anpassung ihrer Erwartungen und Intensivierung ihrer Anstrengungen reagieren und denjenigen, die dies nicht (mehr) können oder wollen, kommen Psychologie und Psychiatrie zum tautologischen Schluss: Verrückte sind nicht normal, da sie nicht sind, wie es sich gehört.
Die von Psychologie und Psychiatrie betriebene ideologische Verklärung des existierenden Klassenverhältnisses und der dazugehörigen Staatsgewalt, unter dem Label der Normalität, lässt nicht mehr die Frage zu, ob die bestehenden Verhältnisse überhaupt etwas für die Interessen und Bedürfnisse der Menschen taugen und ob es vernünftig ist, sich zum Mittel von Kapital und Staat zu machen.

Im Gegenteil: Psychologie und Psychiatrie gilt die Welt als bestehender Sachzwang, an den sich die Menschen anzupassen und einzurichten haben – wobei dieses Funktionieren-Müssen dann auch gleich als „menschliche Natur“ hingelogen wird. Und wer dies nicht (mehr) hinkriegt, dem wird geholfen!
Wir möchten in dieser Veranstaltung am Beispiel psychologisch-psychiatrischer Diagnostik erläutern, welche Denkfehler und welches Menschenbild dem psychologisch-psychiatrischen wie auch dem Alltagsverständnis zugrunde liegen, wenn von psychischen Störungen die Rede ist und selbige fremd- oder selbstdiagnostiziert werden. Dabei soll die Frage beantwortet werden, für welche staatlichen und kapitalistischen Zwecke das psychologisch-psychiatrische System innerhalb hiesiger Verhältnisse Partei ergreift.

Lukaš Lulu ist Diplom – Psychologe und lebt in Berlin. Neben seinen Tätigkeiten als lohnabhängiger Sozial-Arbeiter und Projektkoordinator auf Honorarbasis beschäftigt er sich mit der Kritik an Kapital und Nation und seiner studierten Profession.
Sohvi Nurinkurinen hat Psychologie studiert und lebt in Berlin. Sie publiziert und bietet Vorträge und Workshops an, u.a. zu den Themen Kritik der Psychologie und Psychiatrie, Drogenpolitik und Drogenkonsum.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 05.03.2015: Klaus Weber – Adolf Hitler, ‚Mein Kampf‘ und die Psychologie

Um es vorweg zu sagen: Für PersönlichkeitspsychologInnen ist Hitler ein „gefundenes Fressen“. Es gibt haufenweise Material über ihn, quasi alle seine Handlungen, seine Reden und seine Schriften sind verfügbar. Kaum ein Tag seines Lebens (mit größeren blinden Flecken seiner Kindheit und Jugend), der nicht dokumentiert wäre. Mindestens fünf renommierte Historiker haben tausendbändige Biografien über ihn und sein Tun geschrieben.
Wenn die Kritische Psychologie recht hat mit der Grundannahme, dass die Begründungen für subjektives Handeln gemeinsam mit den handelnden, denkenden und fühlenden Menschen erarbeitet werden können, dann wäre bei Hitler genügend Material vorhanden, um verstehen zu können, wie sich Person, Strukturen und Verhältnisse auf eine Art und Weise verändert haben, dass so etwas wie „Faschismus“ mit Hitler möglich wurde.

(Es gibt genügend Historiker, die davon ausgehen, ohne Hitler wäre es zum deutschen Faschismus nicht gekommen und falls schon, dann hätte er andere Strukturen und Feindbilder entwickelt).
Der Vortrag soll
a) die Probleme zeigen, die es gibt, wenn Psychologie und Hitler aufeinandertreffen,
b) Suchbewegungen entwickeln, um kritisch-psychologisch die Person Hitler als Subjekt und als Struktureffekt gesellschaftlicher Logiken zu denken,
c) darstellen, wie Hitler in „Mein Kampf“ ein Programm entwickelt, das er bis 1945 durchzieht,
d) danach fragen, welche ideologischen Muster (Hitler als das „Böse“ schlechthin, die Nazis als Barbaren etc.) aus dem Weg zu räumen sind, um Hitler und den deutschen Faschismus auch kritisch-psychologisch zu verstehen.

Dr. phil. habil. Klaus Weber ist Professor für Psychologie an der Hochschule München für Angewandte Wissenschaften. Unter anderem gibt er im Argument-Verlag die Reihe „texte kritische psychologie“ heraus, deren letzter Band „Störungen“ (gemeinsam mit Ariane Brenssell) im September 2014 erschienen ist. Seine 2003 erschienene Habilitationsschrift hat den Titel: „Blinde Flecken. Der psychologische Blick auf Faschismus und Neofaschismus“.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 26.02.2015: Robin Iltzsche – Die Psychiatrie im Neoliberalismus. Geschichte und Kritik der ‚Sozialpsychiatrie‘

Seit den 1960er Jahren gibt es zahlreiche Veränderungen in der psychiatrischen Versorgungslandschaft, die oft als die zweite „Befreiung von den Ketten“ dargestellt wird. Der Vortrag wird einen kurzen Überblick über die wesentlichen Veränderungen und Prozesse dieser „sozialpsychiatrische Wende“ geben und dabei versuchen, Merkmale einer neoliberalen Psychiatrie aufzuzeigen. Während zwar der Fokus auf den pharmakologischen, nosographisch-diagnostischen und strukturellen Veränderungen der Psychiatrie gelegt wird, soll auch der sich parallel vollziehende Wandel der Antipsychiatrie-Bewegung hin zu einer Selbsthilfe-Bewegung beschrieben werden.

Robin Iltzsche studiert seit 2008 Psychologie und Linguistik an der Goethe-Universität Frankfurt. Er ist seit 2009 Gründungsmitglied des ‚AK kritische Psychologie Frankfurt‘. Seine Interessensschwerpunkte sind Psychoanalyse, Gouvernmentality Studies, Qualitative Forschung und Psychiatriekritik.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 12.02.2015: Ariane Brenssell – Trauma politisch verstehen. Ansätze aus der kritischen Psychologie

Möglichkeiten, Gewalt zu verarbeiten, werden in der Traumafachdebatte zunehmend auf Fragen der Neurobiologie und der individuellen Fähigkeiten und Bewältigungsmöglichkeiten (Resilienz, Vulnerabilität) reduziert. Diese vorherrschenden Traumakonzepte haben allerdings Grenzen, wie ich am Beispiel von Trauma durch sexualisierte Gewalt diskutieren möchte. Denn sexualisierte Gewalt ist individuell und gesellschaftlich, persönlich und politisch zugleich.

Wie kann ein emanzipatorisches Traumaverstehen aussehen, und was gibt es aktuell für Kämpfe um Traumaverstehen und Traumaarbeit? Welche Bedingungen der Praxis verhindern ein solches Umdenken? Wie kann die gesellschaftliche Rahmung sexualisierter Gewalt sichtbar gemacht werden? Welche Kämpfe braucht es?

Ariane Brenssell stellt zudem das von ihr mitherausgegebe Buch „Störungen“ vor, welches im Herbst 2014 erschienen ist („Störungen“, Texte zur Kritischen Psychologie Band 4, zusammen mit Klaus Weber, Argument Verlag).

Prof. Dr. Ariane Brenssell ist Kritische Psychologin aus Berlin und Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, ab Februar ist sie an der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel tätig. Sie arbeitet u.a. zur Bedeutung neoliberaler Gewalt im Alltag, zu den Möglichkeiten partizipativer „Traumaforschung“ und zur „Care Revolution“.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 29.01.2015: Katrin Reimer – Zur Kritik des Vorurteils

Die Kritische Psychologie blickt auf eine lange Geschichte der Auseinandersetzung mit sozialpsychologischen Konzepten und Methoden zurück, die auch Grundlage aktueller Leitvorstellungen (Vorurteile, Stereotype, Diskriminierung…) und Studien (rechtsextreme Einstellungen, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) sind, die in antifaschistischer und rassismuskritischer Praxis relevant sind. Die “Kritik des Vorurteils” zielt vor diesem Hintergrund sowohl auf ideologische Denk- und Praxisformen als auch auf eine (vorherrschende) wissenschaftliche Forschungsstrategie, die wesentliche Dimensionen ihres Gegenstandes verfehlt.

Prof. Dr. Katrin Reimer lehrt im Bereich “Kindliche Entwicklung, Bildung und Sozialisation” an der Hochschule Magdeburg-Stendal und arbeitete lange Zeit in der außerschulischen Bildung.

19 Uhr, Reilstraße 78. Der Eintritt ist frei.