Donnerstag / 14. Dezember 2017 / 19.00 Uhr / Was macht die Psychoanalyse? Psychoanalyse zwischen Praxis und Gesellschaftstheorie

Hörsaal 2 / Steintor Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit M. S c h ö n w e t t e r (Halle)

In seiner Minima Moralia stellt Theodor W. Adorno den Anspruch an die psychoanalytische Praxis, als »eine kathartische Methode« müsste sie »darauf ausgehen, die Menschen zum Bewußtsein des Unglücks, des allgemeinen und des davon unablösbaren eigenen, zu bringen und ihnen die Scheinbefriedigungen zu nehmen, kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung nochmals am Leben sich erhält« (Adorno 1998/1951: 69). Adornos Kritik deutet auf das Dilemma der analytischen Praxis, die nämlich mit der »Psychodynamik« auf einen Gegenstand gerichtet ist, der »nochmals die Pathogenese einer gesellschaftlichen Totalität aus sich heraus [entwickelt]« (Adorno 1998/1955: 55f). Das Leiden des Individuums ist das Ergebnis des herrschaftsförmigen, repressiven, mithin gewaltvollen Vermittlungsprozesses der gesellschaftlichen Totalität in Tiefenstruktur. Wie aber kann ein Verfahren damit umgehen, dessen Praxis der Beziehungsrahmen der analytischen Situation zwischen Analytiker und Patient und das auf das individuelle Leiden und dessen lebensgeschichtlichen Hintergrund gerichtet ist? Die psychoanalytische Praxis ist kein »Theorieseminar im Liegen« (Kirchhoff 2007: 69). Im Vortrag möchte ich skizzieren, was in der analytischen Praxis geschieht, wie das Ergebnis der Vermittlung der gesellschaftlichen Totalität im Individuum – die infantilen, unbewussten Beziehungsmuster im Wiederholungszwang als Kern des Patienten-Leidens – verstehbar gemacht und ›bewältigt‹ werden können. Des Weiteren möchte ich zeigen, dass die Psychoanalyse als eine ›kritische Theorie des Subjekts‹ (Alfred Lorenzer) in einer zur kritischen Gesellschaftstheorie eigenständigen Perspektive auf denselben Gegenstand – das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft – gerichtet ist. Die Begriffe und Erkenntnisse der psychoanalytischen Praxis können jedoch nicht folgenlos zu einer Gesellschaftstheorie aufgebläht werden. Solch eine Gesellschaftstheorie würde als Gesellschaftspathologie im Widerspruch zur negativen Dialektik, die Nichtidentität von Individuum und Gesellschaft eindampfen und das Subjekt letztlich bloß noch aus objektiven Bedingungen heraus ableiten. Psychoanalyse und kritische Theorie der Gesellschaft sind vielmehr die beiden komplementären, aber eigenständigen Seiten derselben Medaille.

M. Schönwetter hat in Halle Soziologie studiert und arbeitet zu den Themen Kritische Theorie, Psychoanalyse und Leiblichkeit.

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