Donnerstag / 8. Juni 2017 / 19.00 Uhr / Reil 78 / Eine Biopolitik des Genießens: die Fallstricke postödipaler Subjektivierung

Vortrag von Tove Soiland

Lacan war gewiss kein Gesellschaftstheoretiker. Doch ähnlich wie Reich und Marcuse im Zuge der 68er-Revolten an Freud anschlossen und damit einen Freudomarxismus hervorbrachten, existiert heute im Umfeld der Schule von Ljubljana eine marxistisch orientierte Lacan-Rezeption, die darum bemüht ist, die heutige, gegenüber der fordistischen Gesellschaft veränderte ideologische Konstellation zu verstehen.
Ausgehend von Lacans eigenen Überlegungen geht der Vortrag der Frage nach, wie unter den veränderten Voraussetzungen postfordistischer Gesellschaften die Funktionsweise von Ideologie neu zu denken ist. Im Zentrum steht dabei jener Wandel in den Subjektstrukturen, den Lacan in seinem Seminar XVII beschreibt. Nach dem Untergang der partriachalen Kleinfamilie mit ihrer ödipalen Struktur haben wir es heute mit den Fallstricken postödipaler Subjektivierung zu tun, die, weit davon entfernt, befreite Subjekte hervorzubringen, diese, in der Gegenwartsdiagnose Slavoj Zizeks, vielmehr einer neuartigen Form einer „Biopolitik des Genießens“ unterwirft.

Tove Soiland, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Zürich. Sie ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und bietet bei der Gewerkschaft VPOD in Zürich seit Jahren Seminare für Frauen zu feministischer Ökonomie und politischer Theorie an. 2008 promovierte sie an der Universität Zürich zu »Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten«. Sie ist Mitglied des Beirates der Zeitschrift Widerspruch. Ihre heutigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Feministische Theorie, französische Psychoanalyse und Marxismus. 2003 initiierte sie den »Gender-Streit«, eine Kontroverse um die theoretischen Grundlagen des Gender-Begriffs. Im WS 2016/17 hat sie die Klara-Marie-Faßbinder Gastprofessur an der Hochschule Ludwigshafen inne.

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