Freitag / 30. November 2018 / 19.00 Uhr / Zur Dethematisierung gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen in der Psychopathologie

Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Simon Groten (Halle)

Die klinischen Psychologie hebt sich von den anderen Fachgebieten der akademischen Psychologie in Deutschland dadurch ab, dass sie für die mit Abstand größte Gruppe der Studierenden eine berufsvorbereitende Funktion einnimmt. Die meisten Studierenden entscheiden sich anhand der hier gelehrten Inhalte für die Schule ihrer anschließenden psychotherapeutischen Ausbildung und bestreiten ihren Berufseinstieg mit dem im Studium vermittelten Wissen der klinischen Psychologie. Mitunter prägt das hier vermittelte Menschenbild auch die gesamte weitere Berufstätigkeit. Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, dass es im Mainstreampsychologiestudium zwar viel darum geht, welche Verhaltensweisen und Empfindungen Teil welcher ›psychischen Krankheiten‹ seien, aber nie eine tiefere Auseinandersetzung damit stattfindet, was dieses ›Krankhafte‹ an sich eigentlich sei. Im Vortrag wird der Frage nach gegangen, welche impliziten Annahmen über den Menschen und das Mensch-Welt-Verhältnis im Konzept der ›psychischen Krankheit‹, in den gängigen Krankheitsmodellen und in den psychiatrischen Diagnosen verborgen sind. Dabei wird die problematische Vorstellung eines von den gesellschaftlichen Verhältnissen abstrakt-isoliert gedachten menschlichen Individuums herausgearbeitet, mit der die vermeintlichen Eigenschaften und Defizite des Individuums in den Fokus gerückt und dessen gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen dethematisiert werden.

Simon Groten. M.Sc. Psychologe, Jg. 1989. Befindet sich derzeit in Ausbildung zum systemischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und arbeitet in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Tagesklinik.

Ein Interview, das Radio Corax mit dem Referenten zum Thema des Vortrages führte:

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Dienstag / 18. Dezember 2018 / 19.00 Uhr / Dem Wahnsinn auf der Spur. Antipsychiatrie und das Problem gesellschaftlicher Herrschaft

Hörsaal 3 / Emil-Abderhalden-Str. 26/27 / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Christian Küpper (Berlin)

Kritische Einwürfe gegen (sozial-)psychiatrische Zustände nehmen neben den zum Teil offen gewaltförmig organisierten Behandlungsformen nicht selten den vermeintlichen Schubladencharakter psychiatrischer Diagnosen zum Ausgangspunkt weiterer Überlegungen. Mithin geraten auch die Normalitätsanforderungen und Stigmatisierungen, mit denen die Diagnostizierten konfrontiert werden, in den Blick. Folgen wir nun den Spuren des Wahnsinns, lauert hinter der Infragestellung seiner »Verarztung« (Foucault) die Gefahr, über die Fallstricke simplifizierender Etikettierungs- oder Randgruppentheorien zu stolpern. Was also tun? Schließlich stehen wir vor der Herausforderung, Menschen, die im hier und jetzt leiden, Angst haben, Schmerzen verspüren, verunsichert sind, Unterstützung, Begleitung und Zuwendung suchen, Alternativen anzubieten.

Auch wenn die Klage über die Inflation psychiatrischer Diagnosen und die Macht der Pharmaindustrie in weiten Teilen der Gesellschaft Widerhall findet, ist radikale Psychiatriekritik doch etwas aus der Mode gekommen. Der Verweis auf die Ausdifferenzierungen der (sozial-)psychiatrischen Versorgungslandschaft, auf die Einbindung von psychiatriebetroffenen Menschen als Genesungsbegleiter_innen in den Kreis der Professionellen oder auf den geplanten Ausbau des Home Treatment mag deren Veralten vordergründig rechtfertigen.

In diesem Vortrag möchte ich dafür argumentieren, dass nicht viel Grund zur Beruhigung besteht, und dies nicht nur, weil es sich bei der ersten von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA zugelassenen digitalen Pille – einer Pille mit einem eingebauten Sensor zum Zwecke der Kontrolle ihrer Einnahme – um ein Neuroleptikum handelt. Vielmehr leistet die moderne (Sozial-)Psychiatrie einen näher zu beleuchtenden Beitrag zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Verhältnisse, in und an denen tagtäglich so viele verzweifeln.

Christian Küpper, Dipl.-Psych., ist in der antipsychiatrisch orientierten Kriseneinrichtung Weglaufhaus »Villa Stöckle« in Berlin tätig sowie Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule Berlin und an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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Donnerstag / 24. Januar 2018 / 19.00 Uhr / Sucht als Krankheit des verlorenen Subjekts? Ein zivilisationsgeschichtlicher Blick auf das Verhältnis von Rausch und Subjektivität

Hörsaal 2 / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Alexandra Schauer (München)

Rausch und Ekstase sind gewissermaßen universale Phänomene. Als sakrale, rituelle oder alltägliche Praktiken haben sie in der Geschichte der Menschheit seit jeher eine Rolle gespielt. Das gilt nicht gleichermaßen für das Phänomen der Sucht. Als Erfindung des 18. Jahrhunderts, in dem sie zunächst in Gestalt der Trunksucht, später in Gestalt der Opiumsucht die Gemüter bewegte, wurde sie zu einer Zeit entdeckt, als sich der Mensch als autonomes, geschichtsmächtiges Subjekt zu verstehen begann. Die Entdeckung der Sucht stellte die dunkle Kehrseite der Entstehung bürgerlicher Subjektivität dar. Beruht diese auf Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, mittels derer das Ich über seine Triebe, Affekte und Neigungen Herr zu werden sucht, stellt die Sucht eine Infragestellung dieser Selbstbeherrschung dar. Der juristische Tatbestand der Unzurechnungsfähigkeit legt davon Zeugnis ab.

Im Vortrag soll dem zivilisationsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Entstehung bürgerlicher Subjektivität und der Entdeckung der Sucht nachgegangen werden. Zugleich wird das Verhältnis von Sucht und Subjektivität in die Gegenwart verfolgt. Im Zentrum steht dabei die These, dass Drogen im Übergang von der bürgerlichen Moderne in die spätmoderne Gegenwart ihre gesellschaftliche Funktion gewandelt haben: Hatte der Rausch einstmals der Flucht aus einem gesellschaftlichen Lebens gedient, indem sich der Bürger nur durch Selbstkontrolle und Selbstdisziplin und der Arbeiter durch Verkauf seiner Arbeitskraft erhalten konnte, so stellen Drogen in der Gegenwart nicht mehr das Andere der Arbeitsgesellschaft dar. Vielmehr sind Drogen zu einem integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden. In ihrer populärsten Gestalt begegnen sie heute als Mittel, mit denen das »unternehmerische Selbst« nach seiner beständigen Optimierung strebt.

Alexandra Schauer hat Soziologie und Philosophie in Jena und Paris studiert und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich für soziale Entwicklungen und Strukturen des Lehrstuhls Politische Soziologie sozialer Ungleichheit am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitet zum Wandel von Selbstverhältnissen und Weltbeziehungen in der spätmodernen Gegenwart.

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Die Veranstaltungsreihe wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt, von der Linksjugend Halle, vom SDS Halle und vom Alternativen Vorlesungsverzeichnis und unterstützt von Radio Corax.

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