Donnerstag / 1. Dezember 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Ein System von Narben. Überlegungen zum Verhältnis von Triebtheorie und Kritik

Vortrag von Julian Kuppe

Es gilt als eine Art Diktum, dass kritische Theorie einen Bezug zur Triebtheorie Freuds impliziert: Wenn die Triebtheorie und damit einhergehend die infantile Sexualität relativiert oder als überflüssig erachtet werden, sei davon auszugehen, dass es sich um unkritische Theorie handelt. Nun hat die Psychoanalyse seit der Zeit des Revisionismus- bzw. Kulturismus-Streits zwischen Adorno und Marcuse auf der einen Seite und Fromm und Horney auf der anderen Seite eine Entwicklung genommen, in deren Folge die Triebtheorie in deren Mainstream weitgehend durch andere Theorien ersetzt wurde, insbesondere durch die Objektbeziehungstheorie. Zwischen der gegenwärtigen Psychoanalyse und denjenigen, die sich in der Kritik der Gesellschaft an der kritischen Theorie orientieren klafft daher eine doch recht große Lücke. Diese Konstellation lässt danach fragen, welche Gründe es für die Bedeutung gibt, die der Triebtheorie nach der kritischen Theorie für die Kritik der Gesellschaft zukommt.

Julian Kuppe beschäftigt sich u.a. mit Psychoanalyse, kritischer Theorie, ästhetischer Theorie, und der Kritik der gesellschaftlichen Naturverhältnisse.

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Donnerstag / 15. Dezember 2016 / 19.00 Uhr / Reil78 / Lernen – vom Subjektstandpunkt. Zur subjektwissenschaftlichen Kritik der traditionellen Lernpsychologie

Vortrag von Wolfgang Maiers

Die psychologische Lernforschung hat uns bis heute nicht wirklich zu einem tieferen Verständnis dessen verholfen, wie wir in unseren wechselnden praktischen Bezügen zur gesellschaftlichen und natürlichen Wirklichkeit lernen. Ungeachtet aller daran geübten prinzipiellen Kritik werden traditionelle theoretische Konzeptionen der Konditionierung – gegebenenfalls „kognitivistisch“ reinterpretiert – sowie des Beobachtungslernens (Lernen am Modell) als gültiger Fundus universeller (phänomenübergreifend wirksamer) Lernformen und ‑prinzipien präsentiert – und wird damit der Eindruck erweckt, als sei lernpsychologisch im Grundsätzlichen alles geklärt.
In meinem Vortrag möchte ich als erstes diese Problematik und ihre wissenschaftlichen wie praktischen Folgen (beispielsweise für die Erklärung entwicklungspsychologisch beschreibbarer ontogenetischer Veränderungen oder für die Unterstützende kindlicher Selbst-/Bildungsprozesse durch kindheitspädagogische Fachkräfte) aufzeigen. Vor diesem Problemhintergrund möchte ich dann den kritisch-psychologischen Ansatz einer vom wissenschaftlichen Subjektstandpunkt ausgehenden Theorie des Lernens skizzieren, die anders als die traditionelle, behavioristisch dominierte Lernpsychologie und deren kognitionspsychologischen Erweiterungen die subjektiven Voraussetzungen selbstbestimmten motivierten („expansiv begründeten“) Lernens erhellt und zugleich einen begrifflichen Rahmen bietet, der intentionales Lernen ebenso wie die damit vermittelten inzidentellen und impliziten Lernprozesse als Vollzugsmomente bedeutungsvoller situierter menschlicher Praxis (ein-) begreift.

Wolfgang Maiers studierte Pädagogik und Psychologie u.a. bei Klaus Holzkamp. Er ist seit Gründung Redakteur der Zeitschrift „Forum Kritische Psychologie“ und Mitherausgeber der Schriften Klaus Holzkamps. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Subjekt- und Lernforschung sowie Kritische Psychologie. Er ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Direktor des Klaus Holzkamp-Instituts für Subjektwissenschaft der Internationalen Akademie für Innovative Pädagogik und Ökonomie an der Freien Universität Berlin.

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Donnerstag / 19. Januar 2017 / 19.00 Uhr / Reil78 / Die Konstitution, die Funktion und das Sträuben. Zur psychoanalytischen Theorie des Triebs und der Geschlechterdifferenz

Der Vortrag muss wegen Krankheit leider ausfallen. Eventuell wird er zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Vortrag von Melanie Babenhauserheide

Die Entstehung von Subjekten wird in der Freudschen Psychoanalyse nicht als lineare Entwicklung gedacht, sondern als gekennzeichnet durch Mangel und Versagung, durch Spaltungen und Brüche, durch Lücken und Verletzungen. Dafür steht die Geschlechterdifferenz, als etwas, was das anzeigt, was ich nicht sein kann. Geschlecht wird dabei als etwas verstanden, was nicht glattgehen kann, was in sich widersprüchlich ist, durchdrungen von dem, was sich entzieht: Dem Unbewussten, dem unlösbaren Rätsels der Sexualität…

Nicht selten hört man Vorurteile gegenüber psychoanalytischer Theorie: Sie sei deterministisch, sehe zu sehr von Herrschaftsverhältnissen ab, sei biologistisch oder sogar patriarchal. Doch wenn Freud schreibt, dass die Entwicklung von Weiblichkeit und die Bereitschaft, Kinder zu gebären, kein Endpunkt einer natürlichen Abfolge sei, sondern Folge einer komplizierten Entwicklung, in der sich „die Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen wird“, wird kenntlich, dass die Psychoanalyse eine Theorie ist, die Geschlecht weder in Richtung Biologie noch in Richtung Sprache/ Kultur/ Bedeutung auflöst, sondern das konflikthafte Zusammenspiel beider Seiten betrachtet. Somit ermöglicht sie eine Kritische Theorie der Geschlechterdifferenz, die berücksichtigt, dass Menschen auch sinnliche und leibliche Wesen sind, und zugleich erkennt, dass es die (patriarchal beschaffene) Deutung ist, die einen Schniedel in einen Macht spendenden Phallus verwandelt. Sie eignet sich, die in der spätkapitalistischen, vergeschlechtlichen Subjektkonstitution enthaltene Gewalt kenntlich zu machen, anzuklagen, zugleich die Möglichkeit der Freiheit darin wahrzunehmen und herrschende Deutungen neu zu deuten.

Melanie Babenhauserheide ist Kritische Theoretikerin. Sie arbeitet derzeit als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Ihre Dissertation, die sie am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main eingereicht hat, befasst sich mit der Ideologie von J.K. Rowlings Harry Potter-Reihe.

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Donnerstag / 26. Januar 2017 / 19.00 Uhr / Reil78 / Sucht als Krankheit des verlorenen Subjekts? Ein zivilisationsgeschichtlicher Blick auf das Verhältnis von Rausch und Subjektivität

Vortrag von Alexandra Schauer

Der Vortrag muss wegen Krankheit leider ausfallen. Eventuell wird er zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Rausch und Ekstase sind gewissermaßen universale Phänomene. Als sakrale, rituelle oder alltägliche Praktiken haben sie in der Geschichte der Menschheit seit jeher eine Rolle gespielt. Das gilt nicht gleichermaßen für das Phänomen der Sucht. Als Erfindung des 18. Jahrhunderts, in dem sie zunächst in Gestalt der Trunksucht, später in Gestalt der Opiumsucht die Gemüter bewegte, wurde sie zu einer Zeit entdeckt, als sich der Mensch als autonomes, geschichtsmächtiges Subjekt zu verstehen begann. Die Entdeckung der Sucht stellte die dunkle Kehrseite der Entstehung bürgerlicher Subjektivität dar. Beruht diese auf Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, mittels derer das Ich über seine Triebe, Affekte und Neigungen Herr zu werden sucht, stellt die Sucht eine Infragestellung dieser Selbstbeherrschung dar. Der juristische Tatbestand der Unzurechnungsfähigkeit legt davon Zeugnis ab.
Im Vortrag soll dem zivilisationsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Entstehung bürgerlicher Subjektivität und der Entdeckung der Sucht nachgegangen werden. Zugleich wird das Verhältnis von Sucht und Subjektivität in die Gegenwart verfolgt. Im Zentrum steht dabei die These, dass Drogen im Übergang von der bürgerlichen Moderne in die spätmoderne Gegenwart ihre gesellschaftliche Funktion gewandelt haben: Hatte der Rausch einstmals der Flucht aus einem gesellschaftlichen Lebens gedient, indem sich der Bürger nur durch Selbstkontrolle und Selbstdisziplin und der Arbeiter durch Verkauf seiner Arbeitskraft erhalten konnte, so stellen Drogen in der Gegenwart nicht mehr das Andere der Arbeitsgesellschaft dar. Vielmehr sind Drogen zu einem integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden. In ihrer populärsten Gestalt begegnen sie heute als Mittel, mit denen das »unternehmerische Selbst« nach seiner beständigen Optimierung strebt.

Alexandra Schauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Soziale Entwicklung und Strukturen an der LMU München. Sie arbeitet zum Wandel von Selbstverhältnissen und Weltbeziehungen in der spätmodernen Gegenwart.

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Donnerstag / 2. Februar 2017 / 19.00 Uhr / Reil78 / Eine Biopolitik des Genießens: die Fallstricke postödipaler Subjektivierung

Der Vortrag muss leider auch ausfallen, da Tove Soiland aus persönlichen Gründen absagen musste. Es tut uns sehr leid, dass die letzten drei Vorträge nun alle ausgefallen sind. Wir würden versuchen, diese alle in der Zeit des nächsten Semesters nachzuholen.

Vortrag von Tove Soiland

Lacan war gewiss kein Gesellschaftstheoretiker. Doch ähnlich wie Reich und Marcuse im Zuge der 68er-Revolten an Freud anschlossen und damit einen Freudomarxismus hervorbrachten, existiert heute im Umfeld der Schule von Ljubljana eine marxistisch orientierte Lacan-Rezeption, die darum bemüht ist, die heutige, gegenüber der fordistischen Gesellschaft veränderte ideologische Konstellation zu verstehen.
Ausgehend von Lacans eigenen Überlegungen geht der Vortrag der Frage nach, wie unter den veränderten Voraussetzungen postfordistischer Gesellschaften die Funktionsweise von Ideologie neu zu denken ist. Im Zentrum steht dabei jener Wandel in den Subjektstrukturen, den Lacan in seinem Seminar XVII beschreibt. Nach dem Untergang der partriachalen Kleinfamilie mit ihrer ödipalen Struktur haben wir es heute mit den Fallstricken postödipaler Subjektivierung zu tun, die, weit davon entfernt, befreite Subjekte hervorzubringen, diese, in der Gegenwartsdiagnose Slavoj Zizeks, vielmehr einer neuartigen Form einer „Biopolitik des Genießens“ unterwirft.

Tove Soiland, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Zürich. Sie ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und bietet bei der Gewerkschaft VPOD in Zürich seit Jahren Seminare für Frauen zu feministischer Ökonomie und politischer Theorie an. 2008 promovierte sie an der Universität Zürich zu »Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten«. Sie ist Mitglied des Beirates der Zeitschrift Widerspruch. Ihre heutigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Feministische Theorie, französische Psychoanalyse und Marxismus. 2003 initiierte sie den »Gender-Streit«, eine Kontroverse um die theoretischen Grundlagen des Gender-Begriffs. Im WS 2016/17 hat sie die Klara-Marie-Faßbinder Gastprofessur an der Hochschule Ludwigshafen inne.

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