Donnerstag / 14. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Leiden und Gesellschaft – Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule

Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Frank Schumann (Berlin)

Seit ihrem Bestehen hat die Psychoanalyse immer wieder in sozial- und geisteswissenschaftliche Diskurse ausgestrahlt. Prägenden Einfluss hatte sie insbesondere auf die Frankfurter Schule. Bereits in den 1930er Jahren versuchte der Kreis um Fromm und Horkheimer, Psychoanalyse für ein sozialwissenschaftliches und -philosophisches Forschungsprogramm zu erschließen. Dieser Versuch gehört nicht nur zu den ersten systematischen Vermittlungsbemühungen von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie. Er und seine theoretischen Verarbeitungen in den folgenden Generationen prägten darüber hinaus die sozialwissenschaftliche Perspektive auf Psychoanalyse bis heute. Besonders trifft das auf die Stellung und Verwendung psychoanalytischer Konzepte in gesellschaftskritischen Ansätzen zu.

In dem Vortrag soll jene gesellschaftskritische Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse innerhalb der Frankfurter Schule in den Hauptzügen nachgezeichnet werden. Dabei wird ein Bogen von dem ersten interdisziplinären Forschungsprojekt bis hin zu dem jüngsten Ansatz von Axel Honneth gespannt. Damit soll ein Blick auf die systematischen Auslassungen und Verengungen ermöglicht werden, die sich trotz der bald 90 Jahre währenden Auseinandersetzung bis heute erhalten haben. Mithilfe der immanent ansetzenden Kritik der Rezeptionsgeschichte sollen Perspektiven und Potenziale aufgezeigt werden, die für eine aktuelle Zusammenarbeit von Psychoanalyse und kritischer Sozialwissenschaft bedeutsam sein können.

Frank Schumann promovierte in Jena bei Hartmut Rosa und ist Postdoc an der International Psychoanalytic University in Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Gesellschaftstheorie, Sozialphilosophie, psychoanalytischen Subjekttheorie und der sozialpsychologischen Einstellungsforschung. Veröffentlichung: Leiden und Gesellschaft. Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule (Transcipt 2018).

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Donnerstag / 14. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Leiden und Gesellschaft – Psychoanalyse in der Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule

Freitag / 22. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Make Love, Don’t Gender! Möglichkeiten und Grenzen von Heteronormativitätskritik in cis-/heterosexuellen Paarbeziehungen

Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Ann-Madeleine Tietge (Bremen)

Basierend auf den Ergebnissen ihrer Dissertation wird Ann-Madeleine Tietge zeigen, dass der heteronormativitätskritische Versuch, Geschlecht in einer cis/heterosexuellen Liebesbeziehung zu dekonstruieren, nicht unbedingt an den Vorstellungen „dominanter Macker“ und „abhängige Hausfrau“ scheitert. Vielmehr re-inszeniert sich hier eine Mutter-Sohn-Konstellation zwischen Partnerin und Partner, was die Referentin auf dem Hintergrund psychoanalytischer Sozialpsychologie und konstruktivistischer Geschlechtertheorie deutet.
Die männlich sozialisierten Partner geraten häufig in eine kindliche/adoleszente Position, welche von undifferenzierten Fernweh- und Autonomiestrebungen und übermäßigen Selbstverwirklichungstendenzen gekennzeichnet ist. Ihre Partnerinnen, welche sich meist mehr Verantwortungsübernahme ihrer Partner wünschen, reagieren auf diese Position mit mütterlichen Erziehungsversuchen, welche jedoch die Kindlichkeit ihrer Partner zu zementieren scheint.
Tietge plädiert für eine neue Schwerpunktsetzung in der feministischen Kritik des Privaten. Eine „Reduzierung“ des Maskulinen hin zur Figur des „kleinen Jungen“ kann genauso wenig wie eine rein ästhetische Femininisierung ausreichen, um Geschlecht (und damit Machtverhältnisse) in Beziehungen zu destabilisieren. Stattdessen gilt es für Cis-Männer, mütterlich konnotierte Sozialisationsaspekte zu übernehmen, also Femininisierung auch auf Ebene der emotionalen Fürsorge zu erreichen.

Ann-Madeleine Tietge promoviert derzeit mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung an der Leibniz Universität Hannover. In ihrer Dissertation untersucht sie die unbewusste Konstruktion von Männlichkeit in heterosexuellen Paarbeziehungen. Ihre Forschungsinteressen umfassen psychoanalytische Sozialforschung, Geschlechterforschung/Queer Theory, Adoleszenz und qualitative Methoden (insbesondere Lorenzers Tiefenhermeneutik).

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Freitag / 22. Juni 2018 / 19.00 Uhr / Make Love, Don’t Gender! Möglichkeiten und Grenzen von Heteronormativitätskritik in cis-/heterosexuellen Paarbeziehungen

Dienstag / 3. Juli 2018 / 19.00 Uhr / Machtlust. Psychoanalyse und Kapitalismuskritik

Studentisch selbstverwalteter Raum / Adam-Kuckhoff-Str. 34a / Steintor-Campus / Universität Halle

Vortrag und Diskussion mit Samo Tomšič (Berlin)

Wenn eine gesellschaftskritische Ausrichtung die Psychoanalyse kennzeichnet, dann ist es die Aufdeckung dessen, was Freud das »Unbehagen in der Kultur« nannte. Damit direkt verbunden ist die Aufdeckung der libidinösen Ausbeutung bzw. der libidinösen Verankerung der Machtverhältnisse. Diese Einsichten Freuds wurden einerseits von der Kritischen Theorie aufgegriffen und fanden andererseits in Jacques Lacans »Rückkehr zu Freud« wichtige psychoanalytische Weiterentwicklungen. Ausgehend von der Lustproblematik wird sich der Vortrag der andauernden Aktualität der freudo-lacanschen Psychoanalyse widmen. Wieso braucht die Kritik der politischen Ökonomie psychoanalytische Grundbegriffe (Trieb, Unbewusstes, Übertragung)? Wie mischt sich Lust überhaupt in die Reproduktion der kapitalistischen Machtverhältnisse ein? Und schließlich: Was kann uns die Psychoanalyse über den Aufstieg des sogenannten Neopopulismus sagen?

Samo Tomšič promovierte in Philosophie an der Universität Ljubljana, Slowenien, und ist seit 2011 an der Humboldt Universität zu Berlin tätig. Seine Forschungsbereiche umfassen französische Philosophie, deutschen Idealismus, Epistemologie, Psychoanalyse und Sprachphilosophie. Letzte Veröffentlichungen: The Capitalist Unconscious. Marx and Lacan (Verso, 2015) und Psychoanalysis: Topological Perspectives (Hg. mit Michael Friedman, Transcript, 2016).

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Dienstag / 3. Juli 2018 / 19.00 Uhr / Machtlust. Psychoanalyse und Kapitalismuskritik